Gottesdienst zur Amtseinsetzung von Pfarrerin Adelheid Jewanski

Adelheid Jewanski<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-zumikon.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>83</div><div class='bid' style='display:none;'>668</div><div class='usr' style='display:none;'>32</div>

Am Sonntag, den 28. Januar feierten wir die Amtseinsetzung im Gottesdienst - zeitgleich mit der Übertragung des Australian Open. In beiden Fällen ging es um Sport. Dekanin Anne-Käthi Rüegg - Schweizer hielt zuerst eine Kurzpredigt vor der feierlichen Inpflichtnahme. Anschliessend hielt Pfrn. Jewanski ihre Antrittspredigt. Beides können Sie hier nachlesen.
Adelheid Jewanski,
Liebe Gemeinde, liebe Adelheid
Bei der Vorbereitung des heutigen Gottesdienstes hast du Adelheid, mir gesagt, dass
du im Leben wie im Pfarramt unterwegs seist, und dass du das Pfarramt in Zumikon
sportlich nähmest. Als du mir dies erzähltest, habe ich im ersten Moment gestutzt.
Ich weiss zwar, dass du als Ausgleich zu deiner Arbeit im Sommer auf dem
Zürichsee ruderst und im Winter auf Skitouren unterwegs bist, aber sportlich das
Pfarramt ausüben, diese Vorstellung war mir doch neu. Doch je länger ich darüber
nachdachte, desto mehr gefiel mir diese Vorstellung.
Sport und Pfarramt, beide brauchen Willenskraft, Ausdauer, Bereitschaft, mehr als
nur das Minimum zu leisten, vor allem brauchen beide ein inneres Feuer, Freude. Als
Pfarrerin brauchst du Freude und Interesse an biblischen Texten, Freude an Lebensund
Glaubensfragen, Freude am Kontakt mit Menschen, Freude und Interesse an
den unterschiedlichsten Lebensentwürfen von Menschen.
Um wettkampfmässig Sport zu betreiben, braucht es neben der Freude auch ein
Team von Menschen, die hinter einem Sportler oder einer Sportlerin stehen: Trainer,
Physiotherapeuten, Coach, Sponsor, Fans und andere mehr. Auch als Pfarrerin bist
du auf Menschen angewiesen: auf ein Mitarbeiterteam wie Sekretärin, Sigrist,
Organistin, Diakonin und Katechetin. Du brauchst ihre Unterstützung, ihre Ideen, ihr
Mitdenken, auch faire Auseinandersetzungen mit ihnen, denn ohne dies alles
funktioniert eine Kirchgemeinde nicht. Um als Pfarrerin unterwegs zu sein brauchst
du aber auch die Kirchenpflegerinnen und Kirchenpfleger, Gemeindeglieder, die dich
begleiten, die mit dir auch neue Wege gehen, dich fördern und fordern, dich
unterstützen im Blick auf das Ziel. Das ist im Pfarramt nicht viel anders als im Sport.
Ein grosser Unterschied zwischen dem Sport und dem Pfarramt liegt für mich im
Blick auf den Weg, der zum Ziel führt. Im Sport ist es wichtig, möglichst schnell den
Weg zu gehen, am besten als erste das Ziel zu erreichen, zu siegen, zuoberst auf
dem Podest zu stehen. Auf dem Weg zum Ziel heisst es da möglichst viel zu leisten,
immer etwas vor den andern zu sein.
Wie sieht dieser Weg zum Ziel im Pfarramt und letztlich im Leben eines jeden
glaubenden Menschen aus? Ich weiss nicht, wie du Adelheid diesen Weg
beschreiben würdest, mir gefällt es, wie er im 2. Korintherbrief, im 5. Kapitel Vers 7
beschrieben wird: „Im Glauben gehen wir unseren Weg, nicht im Schauen“.
Unser Ziel ist Gott. Wir sind unterwegs auf Gott zu. Und wir gehen diesen Weg als
Glaubende. Im Moment erkennen wir Gott immer nur ansatzweise, ist und bleibt
unser Erkennen Stückwerk. Am Ziel werden wir ihn vollkommen erkennen, wir
werden in Gemeinschaft mit Gott leben und gleichzeitig werden wir dann auch uns
selber als Menschen vollständig erkennen. Doch bis wir das Ziel erreicht haben, sind
wir als Glaubende unterwegs. Was bedeutet das?
Das heisst für mich: Ich achte mein Leben und ich achte alles Leben, weil Gott uns
das Leben geschenkt hat. Ich weiss, ich trage die Verantwortung für mein Leben und
versuche, das Leben so zu leben, wie Gott möchte, dass wir es leben, so, wie er es
uns in Jesus gezeigt hat. Ich gestalte meinen Lebensweg und teile, was ich bin und
habe mit andern Menschen. Ich stehe auch für Menschen ein, die am Rande der
Gesellschaft leben, die nicht zu den Siegern in unserer Welt gehören. Das sagt sich
so leicht und ist doch eine unendlich grosse Lebensaufgabe. Ich weiss auch, dass
wir diese Lebensaufgabe immer nur ansatzweise erfüllen werden, aber dass es sich
lohnt, sich immer wieder von neuem daran zu machen.
Ich wünsche dir, liebe Adelheid, dass es dir hier in Zumikon gemeinsam mit vielen
anderen Menschen gelinge, im Glauben unterwegs zu sein. Ich wünsche dir, dass du
bei deinem Unterwegssein das Ziel nicht aus den Augen verlierst. Ich habe dir dafür
Licht mitgebracht. Es soll dich an den erinnern, der das Ziel unseres Weges ist und
der von sich gesagt hat, dass er das Licht der Welt sei. Möge dir sein Licht leuchten
und möge es dir auch weiterhelfen, wenn du einmal den Mut verlierst oder den Weg
nicht mehr erkennen kannst. Amen


Antrittspredigt Phil 3, 12- 16 Unterwegs, nicht am Ziel
Liebe Gemeinde, geschätzte Gäste
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Fussball international zum quasi religiösen Volksglauben werden würde? Wo sonst ausser bei den grossen Spielen wird heutzutage öffentlich und inbrünstig gebetet und gesungen? Wann sonst scheint das Zusammenwirken einer Gemeinschaft, eines Teams so entscheidend wie bei diesem Spiel?
Hätten Sie gedacht, dass ein reformiertes Pfarramt auch sehr viel mit Sport zu tun hat? Ich eigentlich nicht. Eher mit Studierstuben, Bibliotheken, ruhigen Gesprächen, Besuchen, Friedhöfen, Unterricht – aber mit Sport? Immerhin stiegen früher einmal meine bergsteigerischen Ambitionen mit der Menge der Aufgaben. Das kam mir wieder in den Sinn, als ich das Pfarramt hier in Zumikon im September 2016 vertretungsweise übernahm und sich die Arbeit, die vorher auf 200% verteilt gewesen war, auf meine 100% und auf 25% Katechetin konzentrierte.
Sportlich – ja, so wollte ich es nehmen. Sportlich!
Und natürlich so entspannt und sanft dazu lächeln - wie Roger Federer.
Denn ich muss gestehen, das bewundere ich am meisten an ihm – nicht so sehr, wie er die Bälle übers Netz bringt, sondern sein sanftes, weiches Jesus-Lächeln bewundere ich, ja, beneide ihn darum.
Denn: ich frage mich, wie einer wie Roger Federer auf höchstem Niveau Sport betreiben und dazu so lächeln kann. Auch die Anschaffung einer Nespresso-Maschine hat mich seinem Geheimnis nicht näher gebracht.
Trotzdem: Sport und ein reformierte Pfarramt, Sport und Christsein haben einiges miteinander zu tun.
Denn bereits der Apostel Paulus hat seinen Glauben, sein Christsein und seine Mission mehrfach mit den athletischen, antiken Sportlern, den Läufern im Stadion verglichen. Vergleichspunkt war, sich voll und ganz reinzugeben, sich mit Haut und Haaren ohne Rücksicht auf Verluste zu engagieren, alles zu geben, sich ganz und gar auf das Ziel zu fokussieren, um zu gewinnen, Siegespreis zu erringen - das bot und bietet sich zur Übertragung geradezu an. Dieses Bild vom olympischen Läufer steht auch hinter unserem heutigen Predigttext aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi, in Makedonien, der ersten Gemeinde auf europäischem Boden. Paulus schreibt da:
12 Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollkommen wäre! Ich jage ihm aber nach, und vielleicht ergreife ich es, da auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin.
13 Liebe Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich selbst es ergriffen hätte, eins aber tue ich: Was zurückliegt, vergesse ich und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt.
14 Ich richte meinen Lauf auf das Ziel aus, um den Siegespreis zu erringen, der unserer himmlischen Berufung durch Gott in Christus Jesus verheissen ist.
15 Wir alle, die wir nun vollkommen sein möchten, sollen dies bedenken! Falls ihr anderer Ansicht seid, so wird euch Gott auch darüber Klarheit verschaffen.
16 Doch: Was wir erreicht haben, an dem wollen wir uns auch ausrichten!
Liebe Gemeinde, Paulus befindet sich in der Tat in einem Wettkampf. Er kämpft leidenschaftlich um die von ihm mitbegründete Gemeinde in Philippi, die von polarisierenden Missionaren heimgesucht wurde. Diese wollen den Gemeindegliedern weissmachen, sie müssten sich erst beschneiden lassen und das jüdische Gesetz lernen und einhalten, damit sie richtige, echte Christen sein können. Paulus wehrt sich mit allen rhetorischen Mitteln dagegen, dass sich diese Ansicht durchsetzt. Denn für ihn liegt der Kern des christlichen Glaubens gerade darin, dass niemand erst eine religiöse oder irgendeine Leistung erbringen muss, um von Gott angenommen zu sein. In der alten Sprache: gerechtfertigt zu sein. Allein das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, der Glaube an die bedingungslose Güte sind ein für alle Mal genug.
Doch dies wirklich zu begreifen und umzusetzen, ist etwas vom Schwierigsten für uns Menschen, ist eine Art Lebenstraining. In aller Regel wollen wir ja etwas dafür tun, dass wir gut da stehen, wollen einen Sieg, eine Leistung vorweisen, einen Pokal gewinnen, perfekt sein (inkl. Lächeln).
Paulus zeigt in den vorausgehenden Sätzen, wie er selbst ein Jude ohne Fehl und Tadel war, beschnitten, nachweisslich korrekter Abstammung, ein Engagierter für das Gesetz. Wenn man so will ein rel. Leistungssportler von Kindesbeinen an. Trainiert und vollkommen durch und durch.
Aber er beschreibt drastisch, wie er das alles nun als Verlust, als wertlos, ja als Dreck ansieht. Alles, was ihn perfekt auszeichnen würde, ist null und nichtig angesichts der "überragenden Erkenntnis Christi Jesu", seines Herrn.
Seit er erkannt hat, was Jesus Christus bedeutet, will er ihn gewinnen und in ihm Heimat finden, ihn kennen und Anteil haben an seinem Tod und seiner Auferstehung.
Paulus liegt nichts mehr an dem, was ihm früher wichtig war. Das lässt er hinter sich und hängt dem nicht nach. Nach dem Bruch mit seinen früheren Leben, eilt er, jagt und rennt er nun der Erkenntnis Jesu Christi nach. Er hat sie noch längst nicht vollständig erlangt. Er ist alles andere als vollkommen darin, aber sie ist nun seine Leidenschaft, sein Sport, sein Lebensinhalt, sein grosses Ziel geworden.
Liebe Gemeinde, an dieser Stelle geht es nun um eine ganz winzige theologische Unterscheidung, es geht wie um Zehntel-, um Hundertstelsekunden, oder anders gesagt, um die richtige Reihenfolge: Nicht weil er, Paulus z.B. so gut ist, so ein grosses Potenzial mitbringt, so überragend wäre, das Ziel schon erreicht hätte, ist er der "Leistungssportler" Gottes.
Er wehrt dieses Missverständnis klar ab: Er habe in seinem Wissen und Erkennen das Ziel eben noch keineswegs erreicht. Christen wie er selbst sind per se niemals besser oder vollkommener als andere. Sondern er ist unterwegs zum Ziel. Er ist überhaupt nur deshalb unterwegs, weil er von Christus ergriffen und bewegt ist, vollmotiviert. Zuerst wurde er auf eine andere Spur gezogen, hat sozusagen die Disziplin gewechselt und nun ein völlig, neues Lebensziel vor Augen. Zuerst lässt er sich motivieren, um dann ganz und gar in dieser Sache aufzugehen.
Eigentlich ist es keine Frage, ob er so oder auch anders könnte. Jesus, der Christus hat ihn gepackt und mitgerissen. Von ihm zutiefst bewegt ist Paulus der Erkenntnis auf der Spur. Dieses Bewegt- und Ergriffensein entlastet von allem Vollkommenheitswahn. Es macht eher fit dafür, sehnsüchtig, gelassen und befreit das Ziel zu verfolgen.
Am Anfang steht ja für jeden Sportler und jede Sportlerin die Frage der Motivation. Was bewegt mich, was zieht mich an, reizt mich und reisst mich mit? Und erst wenn die Motivation gross genug ist, fängt man überhaupt an, nimmt man all die Anstrengungen und Einschränkungen in Kauf. Paulus ist ein von Christus motivierter, um nicht zusagen ein "angefressener" Christusläufer, der seinem Ziel drängend näher kommen will. Bei allem eigenen Einsatz bleibt aber das Erreichen Gottes Sache. Und diese Spannung zwischen Ergriffensein und Ergreifen, zwischen schon jetzt und noch nicht, zwischen Gelassenheit und Zielorientierung ist die christliche Existenz, immer ein Unterwegssein im Dazwischen!

Was mir im sportlichen Bild des Paulus fehlt: Wir sind als Christen keine Einzelkämpfer und Kämpferinnen wie die antiken Läufer im Stadion, sondern immer im Team, in einem Boot, nicht mehr in einer "Mannschaft", aber in einer Gemeinschaft, in einer Kirchgemeinde, in einer Kooperation und in einer Landeskirche, unterwegs in einer weltweiten Kirche mit alle ihren Vereinen und Sektionen und Abspaltungen. Wir sind gemeinsam unterwegs auf der Rennbahn des Lebens.
Wenn ich heute als Pfarrerin in einem feierlichen Zwischenstopp mein sportliches Unterwegssein mit der Kirchgemeinde Zumikon bedenke, so sind mir Teamgeist und Zielorientierung wichtig: wer sind wir, wohin wollen wir, und genauso auch Loyalität und Feedback, Mut zu Neuem, Gemeinschaft - und Pausen. Wir sind gemeinsam unterwegs. Und wenn ich an das gemeinsame Unterwegssein im Ruderzweier am Montagmorgen denke, dann ist die Pause in der Bucht vor Rapperswil sehr wichtig.
Eines der Geheimnisse von Roger Federer und seinem Erfolg ist wohl auch seine Kunst, Pausen einzulegen, sich Zeit zu nehmen für seine Familie und Freunde, zur Erholung. Jedes Fussballspiel hat eine Pause.
In solch einer Pause kann man sich wieder klar werden darüber: Was war noch das Ziel? Unser gemeinsames Ziel? Und was ist der Siegespokal?
Mit Paulus gesprochen: Die vollkommende Erkenntnis dessen, was Christus für uns bedeutet. Dies immer neu zu erschliessen versuchen wird meine Aufgabe sein hier in Zumikon in unseren ganz verschiedenen Lebenssituationen. Ich wünsche mir und uns allen Mut, Klarheit und Offenheit dafür – und die immer wiederkehrende Erfahrung der Auferstehung aus den vielen kleinen Todeserfahrungen, die das Leben mit sich bringt, wie Niederlagen, Missverständnisse, Konflikte, Enttäuschungen. Wir sind nicht am Ziel, aber gemeinsam unterwegs. Amen.

Autor: Adelheid Jewanski     Bereitgestellt: 01.02.2018     Besuche: 30 Monat
 
aktualisiert mit kirchenweb.ch