Predigt von Prof. Ralph Kunz

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Am Sonntag, 8. April hielt Prof. Ralph Kunz von der Uni Zürich die Gastpredigt im Gottesdienst traditional in Zumikon. Hier kann man sie nachlesen.
Adelheid Jewanski,
„Brannte nicht unser Herz?“ (Lk 24, 13-35)

Liebe Gemeinde
Wir sehen zwei müde Wanderer! Kleopas und ein Gefährte, dessen Name Lukas nicht kennt oder einfach nicht nennt. Jedenfalls sind beide Jünger Jesu. Sie gehören zu IHM. Sie sind mit Jesus gezogen, haben seinen Predigten gelauscht und Wunder gesehen. Er hat in ihnen ein Feuer entfacht – eine Leidenschaft für Gott und Menschen. Manchmal mussten sie ihren Meister vor der Begeisterung der Massen schützen. Er war ein Gottesmann: ein Segen für die Armen, Blinden und Lahmen, aber den Mächtigen wurde er zum Störenfried. Mit ihm haben sie in die Abgründe der menschlichen Schuld geschaut, Dämonen ausgetrieben. Mit ihm haben sie himmlisches Licht geschaut, von ihm haben sie gelernt, wie radikal grenzenlos und unbeschränkt Gottes Liebe ist. Dass wer ihm traut, neu beginnen darf. Ob Mann oder Frau, Kind oder Greis. Römer oder Samariter, Freund oder Feind. Bei ihm haben sie gesessen, gefeiert und getrunken. IHM sind sie nachgefolgt. Um seinetwillen haben sie ihre Familien verlassen, sind drei Jahre lang von auf staubigen Strassen von Dorf zu Dorf gezogen. Wurden mit ihm verehrt oder verjagt, festlich bewirtet oder beinahe gesteinigt. Mit IHM sind sie sie nach Jerusalem gezogen an diesem Pessach. Zutiefst erfüllt vom Wunsch, das letzte und grösste Wunder zu sehen, das Ende der Zeiten. Hat nicht ER davon erzählt? Dass Gottes Herrschaft nahe herbei gekommen ist? Dass sie die Auserwählten sind? Dass ER die Schafe Israels sammle? Dass die Prophezeiungen der Schrift sich vor ihren Augen erfüllen?
Wenn es ein Mass gäbe für Hoffnung, liebe Gemeinde, hätten unsere müden Wanderer vor das Maximum erreicht, das ein Mensch erreichen kann. Sie waren trunken mit Hoffnung nach Jerusalem gekommen, wie Gefässe, die gefüllt sind bis an den höchsten Rand mit einem unbeschreiblichen Verlangen: Israels Erlösung, die Erfüllung der Verheissung Zions, das Wunder zu sehen.
Wir sehen zwei müde Wanderer und ahnen, wie es ihnen jetzt ergehen muss! Sie sagen es dem Fremden, der sich zu ihnen gesellt und merkwürdigerweise nichts weiss. Sie klären ihn darüber auf, was geschehen ist. Wie ihr Meister zum Tod verurteilt wurde. Wie sie hofften, dass ER es sei, der Israel erlösen werde.
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Es ist offensichtlich! Für sie ist eine Welt zusammengebrochen. Der Traum zerplatzt. Die Mächtigen haben sich zusammengeschlossen, um einen Pakt zu machen. Eine unheilige Allianz, um den, der die Hoffnung leibhaftig verkörpert, zu verurteilen und zu vernichten. Sie haben den König gestürzt, bevor er seine Herrschaft vollenden konnte. Alle Zeichen und alles Reden – jetzt erscheint es den Jüngern wie ein Spuk. Wie kann man ihre Trauer nur beschreiben? Wenn es ein Mass gäbe für die Verzweiflung, die Menschen ertragen, sie hätten das Maximum erreicht, wie Gefässe, die komplett entleert sind.
Wir sehen zwei glaubensmüde Wanderer! Nicht nur wir sehen sie. Der Dritte im Bunde, der unerkannte Jesus, der mitgeht, leiht uns seine Augen und Ohren. Es ist wunderliche Spiegelung, die uns Lukas mit diesem Blick beschert. Wir hören mit den Ohren des Auferweckten, was die Jünger erzählen. Es ist die Ostergeschichte! Dass einige Frauen nur ein leeres Grab gefunden hätten und behaupteten, ein Engel sei ihnen erschienen und hätte gesagt, er lebe. Mit anderen Worten: Unsere müden Wanderer haben die Urpredigt gehört. Die Osterpredigt schlechthin. Den Augenzeugenbericht. Bezeugt von den Frauen, die genau wie die Jünger ihren Rabbi kannten. Und sie glaubten Ihnen nicht. Unglaublich! Was geht hier ab? Was läuft hier schief?
Ich versuche es, psychologisch zu deuten. Kleopas und sein Gefährte befinden sich in einer Art Schockstarre. Sie sind traumatisiert und bringen nicht die Kraft auf, den glimmenden Docht der Hoffnung noch einmal anzufachen. Zu gross ist die Angst vor einer erneuten Enttäuschung. Man kann die Weigerung, dem Zeugnis der Frauen Glauben zu schenken, natürlich auch kulturell deuten – wenig schmeichelhaft für uns Männer! Die beiden Jünger waren schlicht und einfach Kinder ihrer Zeit.
Was Frauen sagen, zählt weniger. Sie beharren lieber im Unglauben. Und Jesus? Hören Sie sich noch einmal an, wie er reagiert. „Ihr Unverständigen, deren Herz zu träge ist, um alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben.“ Das ist nicht gerade seelsorgerlich. Den Ton kennen wir vom irdischen Jesus. Er konnte mitunter grob sein. Aber aus der Standpauke im Gehen wird wieder ein Gespräch. Der Auferweckte legte ihnen dar, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht. Er wird wieder zum Lehrer, der den Jüngern seine Geschichte im Buch der Bücher zeigt und so einen Weg findet zu ihrem Herz. Er öffnet ihnen die Augen. Und auch wenn sie ihn noch immer nicht erkennen, so beginnen sie doch das Gesicht, sein Gesicht in der Schrift zu sehen. In Moses, Abraham, Jeremia, Jesaia und Hiob. Und Ihr Herz beginnt wieder zu brennen.
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Wir sehen zwei Wanderer! Und sehen auch uns. Nicht dass wir uns mit ihnen vergleichen könnten. Einfach so. Denn wer von uns hat alles aufgegeben, um IHM nachzufolgen? Aber dennoch. So viel Kleinglaube, Kleinliebe und Kleinhoffnung haben wir, um das schwarze Loch zu sehen, in das diese enttäuschten Seelen gefallen sind. Weil auch wir die Schwärze der enttäuschten Liebe und der geplatzten Träume kennen. Vielleicht weil man uns Unrecht getan hat und unsere Ideale nicht in Erfüllung gegangen sind. Vielleicht weil wir versagt und andere enttäuscht haben. Vielleicht weil wir den Zyniker in uns kennen, der beim Zeitungslesen nur noch Schlagzeilen liest und denkt: Es dreht sich alles im Kreis.
Wer von uns kennt diese Stimme nicht, die ins Ohr flüstert: „Es hat keinen Sinn, auf Besserung zu hoffen.“ Wenn es ein Mass gäbe, den Osteranteil in den Nachrichten messen könnte, wäre der konstant niedrig im Promille-Bereich …
Ich denke, Lukas erzählt diese Geschichte seiner Gemeinde, erzählt sie der Kirche und er erzählt sie uns. Damit auch uns die Augen aufgehen und wir unsere Glaubensmüdigkeit erkennen. Vor allem aber um den Auferstandenen zu sehen. Die Jünger sind unsere Spiegelbilder. Es geht um ihre Auferstehung. Es wird für sie Ostern, wenn sie zu sich sagen: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete?“ Wir sehen mit ihren Augen, die aufgehen und IHN erkennen, als er das Brot nimmt, dankt und es bricht. Es ist das Erkennungszeichen, das er ihnen gegeben hatte, in der Nacht als er verraten wurde. Es sind Zeichen auch für uns. Und hier ist der Vergleich geboten. Es sind Zeichen für alle, die manchmal, enttäuscht sind von Gott, gerne mehr sähen vom Königreich und nicht verstehen, warum Gott seinen Willen nicht durchsetzt. Warum er auf die Sanftmütigen, die Versöhnlichen, die Gewaltlosen und die Friedensstifter setzt.
Liebe Gemeinde, wir sind Wanderer, die immer wieder müde werden. Und immer wieder neue Kräfte bekommen! Wir haben die Wahl, ob wir dem Zeugnis der Frauen und Männer glauben, die vor uns sein Gesicht erkannten und seine Stimme hörten. Und es gibt nicht wenige Zeitgenossen, die es als dummes Geschwätz ansehen. Aber wenn wir uns die Augen öffnen lassen, sehen wird kleine Wunder und Zeichen, die uns wieder auf den Weg bringen. Wir schmecken das Österliche am prächtigen Frühlingssonntag. Wir hören die Vögel und denken an den, der von den Lilien predigte: Sorget Euch nicht.
Und wir lassen uns unseren Hoffnungskelch füllen – im Wissen, dass wir wieder müde werden. Wir wären nicht aus Fleisch und Blut, wenn es uns anders erginge.
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Das ist das nachösterliche Evangelium. Es geht einer mit uns, wenn wir davonlaufen, es bleibt einer bei uns, wenn es Abend werden will. Es ist einer, der unser Herr im Leben und im Sterben sein möchte. Wenn wir ihn nur lassen! Dann erhebt er sein Angesicht über uns, damit wir zu ihm aufblicken. Seinen Frieden gibt er uns, nicht wie die Welt gibt, damit unsere aufgescheuchten Seelen zur Ruhe kommen. Es ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit, der uns die Schuld vergibt, die Krankheiten heilt und krönt mit Gnade und Erbarmen. Es ist Gott, der unser Leben mit Gutem sättigt. Sehen wir’s? Brannte nicht unser Herz? Wir haben die Zeichen seiner Treue, die uns antworten lassen:
Barmherzig und gnädig ist der HERR,
langmütig und reich an Güte.
So hoch der Himmel über der Erde,
so mächtig ist seine Gnade über denen, die ihn fürchten.
Denn er weiss, welch ein Gebilde wir sind,
bedenkt, dass wir Staub sind.
Aber die Gnade des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit
Der HERR hat im Himmel seinen Thron errichtet,
und sein Königtum herrscht über das All.
Lobt den HERRN, ihr seine Boten,
Lobt den HERRN, all seine Heerscharen,
ihr seine Diener, die ihr seinen Willen tut.
Lobt den HERRN, all seine Werke,
an allen Orten seiner Herrschaft.
Lobe den HERRN, meine Seele
Amen
Autor: Adelheid Jewanski     Bereitgestellt: 11.04.2018     Besuche: 21 Monat
 
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