Predigtreihe zur Freiheit

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Mit dem ersten Live-Gottesdienst startet eine Predigtreihe zum Galaterbrief - "Magna Charta der Freiheit"
Adelheid Jewanski,
Predigt am 14. Juni 2020 - erster Gottesdienst nach dem pandemiebedingten Verbot

Die Freiheit – ein Streitfall

Liebe Gemeinde
Die Freiheit stand in diesen vergangenen Monaten auf dem Prüfstand. Unsere ganz selbstverständliche, persönliche Freiheit wurde innerhalb weniger Tage massiv eingeschränkt, obwohl wir in der Schweiz kein Ausgehverbot hatten. Doch man sollte einander nicht mehr treffen, daheim arbeiten, und nicht mehr miteinander essen, singen, spielen, spörtlen – zumal sämtliche Möglichkeiten auswärts zu essen, im Chor zu singen, Fitness zu trainieren oder etwas anderes als Lebensmittel zu kaufen, ausgeschlossen waren. Grosseltern durften ihre Enkel nicht mehr sehen und umarmen. Einkäufe mussten delegiert werden – was besonders manchen gestandenen Hausfrauen äusserst schwer fiel. Wir sollten nicht mehr reisen – auch nicht in andere, vor allem südliche Kantone, ganz schweigen vom Ausland und geplanten Ferien. Produktionen wurden eingestellt, Bauarbeiten niedergelegt, Operationen verschoben. Die Politik funktionierte im "Notaggregatszustand". Vieles – nicht nur der Flugverkehr - kam zu Erliegen.
Und täglich erreichten uns Zahlen und Analysen, Pressekonferenzen und Kommentare zu dem, was keiner ganz verstand. Weder die Virologen, noch die Philosophen, von allen anderen ganz zu schweigen. Wir haben eine ganz verrückte Zeit hinter uns und leben mit den heutigen Schutzkonzepten noch in den Ausläufern. Es ist nicht frei, wo man in der Kirche sitzen darf – es wird bestimmt. Und das scheint wie ein Rückfall in die Zeiten, als Männer in der Kirche auf der einen und Frauen auf der anderen Seite sitzen mussten. Der Corona Lock down war vermutlich richtig, aber ein unvorstellbarer Eingriff in unsere bürgerliche und persönliche Freiheit.
Wir danken gerade erst dafür, glimpflich davon gekommen zu sein und schon hat der Streit darüber begonnen, ob das alles mit rechten Dingen zugegangen ist, oder ob die ganzen Verbote und Einschränkungen ein ungerechtfertigter Eingriff in unsere demokratisch abgesicherte Freiheit war.
Haben wir uns zu sehr und unwidersprochen angepasst? Wer wird es schlussendlich beurteilen? Wer hat die Kompetenz und das Recht dazu? Den Überblick? Noch kann niemand die Folgen für die Zukunft ganz überschauen, auch wenn es unzählige Prognosen gibt. In jedem Land und jedem Kontinent wird es wieder anders aussehen.
Und auch jede und jeder von uns hat es ja unterschiedlich erlebt und unterschiedlich reagiert … Manche kamen schnell damit zurecht, etwa weil sie schon vorher im Home Office waren oder gemeinsam mit der Tochter oder Schwiegertochter jeweils den Wochenendeinkauf gemacht hatten. Wir alle mussten uns daran gewöhnen, nicht mehr die Hände zu schütteln und auf Abstand zu bleiben. Und schnell einmal merkten wir, wie wichtig das Telefon und der Computer, Whatsup und Skype, Zoom und Teams wurden. Sie wurden zum Ersatz in der Zeit der Einschränkungen. Und sie wurden äusserst kreativ genutzt. Aber sie können die Freiheit nicht ersetzen. Und so feiern wir heute auch die neue Freiheit. Sie ist uns kostbarer als vorher.
Doch wie war es möglich, dass wir sie uns nehmen liessen in diesen vergangenen drei Monaten? Wie konnte es geschehen, dass (provokant gefragt) die freien Schweizer und Schweizerinnen sich ihre Freiheit so widerspruchslos einschränken liessen? Woran lag das?
Ich glaube, es war wie so vieles in unserem Leben der Gegensatz von Angst und Vertrauen, der uns alle folgen liessen: Angst vor den unberechenbaren, unbekannten Auswirkungen eines Virus – und das Vertrauen in die massvoll wirkenden Anweisungen der Regierung, letztlich in die Regierung selbst und ihre markanten Köpfe.
Angst und Vertrauen sind die Grundkonstanten unseres Lebens und wir leben besser und glücklicher, wenn wir vertrauen können. Doch vertrauen worauf und auf wen?

Unterdessen gibt der Bundesrat seine in der Krise angeeignete Macht Stück für Stück wieder ab. Es wird auch gefordert – je schneller, desto besser, finden die Spitzen der bürgerlichen Parteien. Deshalb soll die Phase der "besonderen Lage" übersprungen werden und Ende Woche die politische Normallage ausgerufen werden. Dann sind wir in unserer Selbstverantwortung wieder gefordert und müssen die rechte Balance zwischen Angst und Vertrauen finden.

Angst ist immer ein Warnsignal, engt aber ein – wie der Name sagt: Angst und Enge sind verwandt. Angst ist das Gegenteil von Freiheit. Vielleicht war es Angst, die die Adressaten des Briefes von Paulus dazu gebracht hatte, sich die Beschneidung und das jüdische Gesetz aufschwätzen zu lassen, damit sie rechte Christen seien. Paulus ist entsetzt. Er hatte ihnen Vertrauen gepredigt, Vertrauen auf Christus, in dem sich Gott allen Menschen zugewandt hat, nicht nur beschnittenen Juden. Paulus hatte die Galater den Glauben an Christus gelehrt, bei dem es nicht darauf ankommt, was einer vorher war und welches Ansehen er hat. "Bei Gott gibt es kein Ansehen der Person", schreibt er wenig später. Und er kann das aus eigener, tiefer Erfahrung schreiben, denn er selbst war Jude und hatte Christen brutal verfolgt – bis er selbst durch eine unbeschreibliche Erfahrung selbst zu einem Christen wurde. Ihm wurde eine direkte, göttliche Offenbarung zuteil, die sein Leben völlig umkrempelte und aus dem Verfolger einen Nachfolger Jesu machte. Von da an vertraute er ganz auf Christus, in dem er Gottes Zuwendung am eigenen Leib erlebt hatte.
Und dieses Vertrauen gab er weiter und weiter. Er lehrte den Glauben und brauchte dazu das Vertrauen der Galater. Und so erzählt er ihnen in seinem Brief, wie es bei ihm gewesen war. Mir kommt er dabei ein wenig vor wie Daniel Koch, der das Vertrauen der Bevölkerung durch seine ruhige, trockene Art und das ehrliche Eingeständnis seines Nichtwissens gewonnen hat.
Paulus wirbt um Vertrauen für seine Person und das Evangelium, das er verkündigt hat, indem er schreibt:
Ihr habt ja gehört, wie ich einst als Jude gelebt habe: Unerbittlich verfolgte ich die Gemeinde Gottes und suchte sie zu vernichten. Und in meiner Treue zum Judentum war ich vielen Altersgenossen in meinem Volk weit voraus, habe ich mich doch mit ganz besonderem Eifer für die Überlieferungen meiner Väter eingesetzt.
Als es aber Gott, der mich vom Mutterleib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hatte, gefiel, mir seinen Sohn zu offenbaren, dass ich ihn unter den Völkern verkündige, da beriet ich mich nicht mit Fleisch und Blut; auch ging ich nicht nach Jerusalem hinauf zu denen, die schon vor mir Apostel geworden waren, sondern begab mich in die Arabia und kehrte dann nach Damaskus zurück. Dann erst, drei Jahre später, ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kefas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm; einen andern aber aus dem Kreis der Apostel habe ich nicht gesehen ausser Jakobus, den Bruder des Herrn.
Was ich euch hier schreibe - Gott weiss, dass ich nicht lüge! Danach ging ich in die Gebiete von Syrien und Kilikien. Ich war aber den christlichen Gemeinden in Judäa persönlich nicht bekannt. Sie hatten nur gehört: Der uns einst verfolgte, verkündigt jetzt den Glauben, den er einst ausrotten wollte. Und sie segneten Gott um meinetwillen.
(Brief an die Galater 1, 10-24)

Liebe Gemeinde, Paulus versucht das Vertrauen der Galater zurückzugewinnen, indem er viel von sich preisgibt. Er steht mit seiner ganzen Person und Geschichte für das Evangelium ein. Er will ihnen die Angst nehmen, dass sie sich dem jüdischen Gesetz unterordnen sollen, denn das Gesetz macht unfrei und zum Sklaven. Gott aber braucht unser Vertrauen und nicht unsere Unterwerfung. Der Glaube an Christus als Gottes Brücke zu uns macht frei. Insofern gibt es eine christliche Freiheit, die grösser ist und tiefer geht als die bürgerliche, demokratisch garantierte Freiheit. Die christliche Freiheit war die Grundlage, auf der die anderen Freiheiten entwickelt wurden. Und wir sind heute immer noch daran, sie durchzubuchstabieren – gegen Rassismus, Sexismus, Chauvinismus.
Paulus kann uns dabei helfen, der in diesem Brief auch schrieb:
"Denn ihr seid alle Söhne und Töchter Gottes durch den Glauben in Christus Jesus. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus. - Zur Freiheit hat uns Christus befreit." Amen