Nächste Folge der Predigtreihe

Petrus & Paulus —  Die Apostel Paulus und Petrus hatten einen Zusammenstoss <div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>ref-zumikon.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>83</div><div class='bid' style='display:none;'>1748</div><div class='usr' style='display:none;'>32</div>
Krach und Konflikt in Antiochia - Fortsetzung der Predigtreihe zum Galaterbrief
Adelheid Jewanski,
Am Sonntag, den 21. Juni folgt die zweite Predigt zum Galaterbrief. Der "Zusammenstoss in Antiochia" betitelt einen der entscheidenden Konflikte der frühen Christenheit. In dem betreffenden Zusammenhang wirft Paulus dem Petrus "Heuchelei" vor. Nicht von ungefähr drängen sich Parallelen zur aktuellen Krise der Evangelischen Kirche Schweiz (EKS) auf, die in diesen Tagen medial Schlagzeilen macht.
Zum biblisch fundierten Nachdenken über den Umgang mit Krisen und Konflikten laden wir herzlich ein:

Der Anfang des zweiten Kapitels vom Brief, den der Apostel Paulus um ca. 55 vor Christus an die Gemeinden in Galatien geschrieben hat. In diesen Gemeinden waren Judenchristen aufgetaucht und hatten den Leuten auferlegt, sie müssten auch als Christen das jüdische Gesetz einhalten und sich beschneiden lassen. Paulus, der ja selber Jude ist, ist entsetzt, denn er hat erkannt, dass nicht Einhaltung dieses Gesetzes rettet - im Gegenteil: es macht unfrei. Wirkliche Freiheit empfängt ein Mensch erst im Vertrauen auf Gott und in der Bindung an Christus. Doch bevor Paulus das vertiefen kann, erzählt er erst einmal weiter, wie das damals gegangen ist zwischen denen, die sich als Juden Jesus angeschlossen hatten und denen, die irgendeine andere religiöse Herkunft hatten. Er beschreibt, wie er Petrus und den anderen Säulen begegnet ist.
Lesung Gal 2, 1-10
Dann, nach Ablauf von vierzehn Jahren, zog ich erneut nach Jerusalem hinauf, zusammen mit Barnabas, und nahm auch Titus mit.
2 Ich zog aber hinauf aufgrund einer Offenbarung; und ich legte ihnen das Evangelium vor, das ich unter den Völkern verkündige, den Angesehenen in gesonderter Unterredung; ich wollte sicher sein, dass ich nicht ins Leere laufe oder gelaufen bin.
3 Doch nicht einmal Titus, mein Begleiter, der Grieche ist, wurde gezwungen, sich beschneiden zu lassen.
4 Was aber die falschen Brüder und Schwestern, die Eindringlinge, betrifft, die sich eingeschlichen hatten, um unsere Freiheit, die wir in Christus Jesus haben, auszukundschaften und uns so zu Knechten zu machen -
5 ihnen haben wir uns auch nicht einen Augenblick lang gefügt noch unterworfen, damit die Wahrheit des Evangeliums für euch erhalten bleibe.
6 Von Seiten der Angesehenen aber, von denen, die etwas zu sein scheinen - was sie einst waren, spielt für mich keine Rolle, bei Gott gibt es kein Ansehen der Person ... Mir jedenfalls haben die Angesehenen nichts auferlegt,
7 im Gegenteil: Als sie sahen, dass mir das Evangelium für die Unbeschnittenen anvertraut ist so wie dem Petrus dasjenige für die Beschnittenen -
9 und als sie die Gnade erkannten, die mir geschenkt war, da gaben Jakobus und Petrus und Johannes, die Angesehenen, die als ‹Säulen› gelten, mir und Barnabas die rechte Hand zum Zeichen ihres Einverständnisses: Wir sollten zu den Heiden, sie aber zu den Beschnittenen gehen.



Liebe Gemeinde
Wir hören von einem Treffen, einer Art Konferenz in Jerusalem, an der Paulus und seinen Begleitern auf der einen Seite, die sogenannten Heidenmissionare teilnehmen – und Petrus (Kephas) mit seinen Kollegen als Judenmissionare auf der anderen Seite. Paulus ist schon 14 Jahre lang im ganzen kleinasiatischen Raum als Missionar tätig und hat bereits einige Gemeinden gegründet. Diese sind gemischt, bestehen also der Herkunft nach aus ehemaligen Juden und ehemaligen Andersgläubigen bestehen. Paulus erläutert den Kollegen in Jerusalem, was er als Evangelium verkündet und sie sind einverstanden. Mit einem Handschlag wird besiegelt, dass Paulus und seine Leute weiterhin zu den Heiden gehen, um die Botschaft zu verkünden, während Petrus und seine Kollegen ihre Mission auf Juden ausrichten, Paulus nennt Juden auch einfach "Beschnittene".
Jedenfalls ist die Unterredung der Apostel gelungen und die gegenseitige Abmachung steht. Ich habe auf die Liedblätter das Fresko mit den beiden Köpfen kopiert. Der Linke mit den schönen, regelmässigen Locken stellt Petrus dar, den Jünger Jesu, der ihn vor der Kreuzigung drei Mal verraten hatte, aber dann von Jesus doch den Auftrag bekommt, die Jerusalemer Urgemeinde zu leiten. Der Rechte von den beiden, die so nah und innig vereint wirken, ist Paulus mit der hohen Stirn. Die beiden Apostel sind sich einig und scheinen einander nah, so als könnte sie nichts entzweien. Doch es kommt anders.
So nebenbei erwähnt Paulus "falsche Brüder und Schwestern", die sich eingeschlichen hätten, um die Freiheit, die sich Paulus im Umgang mit Heiden nimmt, zu beobachten. Falsche Brüder und Schwestern sind für Paulus solche, die das Abkommen von Jerusalem unterlaufen und behaupten, alle müssten sich beschneiden lassen und die Speisegesetze einhalten. Von diesen "falschen Schwestern und Brüdern" geht ein Aufspalten und gegeneinander Ausspielen aus, das die Menschen verwirrt und abhängig macht. Dagegen wehrt sich Paulus vehement, denn es bringt Unruhe und Konflikte in die Gemeinden und entspricht nicht dem, was für ihn das Evangelium ist: Im Glauben durch Gott angenommen zu sein ohne bestimmte Leistungen. Beim Abkommen in Jerusalem waren sich Petrus und Paulus noch einig gewesen, vereint im Verkündigen des Evangeliums. Doch in Antiochia kommt es einige Zeit später zum Zusammenstoss zwischen den beiden. Ich lese, was Paulus darüber schreibt:
11 Als Petrus aber nach Antiochia kam, trat ich ihm persönlich entgegen, weil er sich selber ins Unrecht versetzt hatte.
12 Bevor nämlich einige Anhänger des Jakobus eintrafen, pflegte er zusammen mit den Heiden zu essen. Als jene aber eingetroffen waren, zog er sich zurück und sonderte sich ab - aus Furcht vor den Beschnittenen.
13 An dieser Heuchelei beteiligten sich auch die anderen Juden, so dass selbst Barnabas sich von ihrer Heuchelei mitreissen liess.
14 Jedoch - als ich sah, dass sie nicht den auf die Wahrheit des Evangeliums ausgerichteten Weg gingen, sagte ich zu Petrus vor allen Anwesenden:
Wenn du, der du ein Jude bist, wie die Heiden und nicht wie ein Jude lebst, wie kannst du dann die Heiden zwingen, wie die Juden zu leben?
15 Wir sind von Geburt Juden und nicht Heiden. Weil wir aber wissen, dass ein Mensch nicht dadurch gerecht wird, dass er tut, was im Gesetz geschrieben steht, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir aus dem Glauben an Christus gerecht würden und nicht dadurch, dass wir tun, was im Gesetz geschrieben steht; denn durch das Tun dessen, was im Gesetz geschrieben steht, wird kein Mensch gerecht werden.
19 Denn dadurch, dass ich den Weg des Gesetzes zu Ende gegangen bin, bin ich für das Gesetz tot. So kann ich fortan für Gott leben. Ich bin mitgekreuzigt mit Christus:
20 Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir; sofern ich jetzt noch im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.
21 Ich will die Gnade Gottes nicht ausser Kraft setzen. Denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, dann ist Christus umsonst gestorben.

Liebe Gemeinde, es ist nicht ganz einfach, den Gedankengängen des Paulus zu folgen. Sicher ist, dass er Petrus der Heuchelei bezichtigt, weil dieser erst ganz zwanglos mit den Heidenchristen zusammen ist und mit ihnen speist und mit ihnen das Abendmahl feiert. Als dann aber strenge Judenchristen kommen, passt er sich ihnen an und meidet den Kontakt zu den Heidenchristen. Er sondert sich ab von ihnen und widerspricht damit der vorherigen Abmachung, dass Heidenchristen und Judenchristen beide gültig Christen sind. Er widerspricht damit vor allem der Einheit der Christen, die unabhängig von der Herkunft sein sollte. Der Zwang zur Befolgung des Gesetzes trennt und spaltet, dabei gehen die Einheit im Glauben und das Vertrauen verloren.
Für Paulus geht es dabei ganz grundsätzlich um die Wahrheit des Evangeliums, dass nämlich nur der Glaube an Christus rettet und Beschneidung oder Beachtung der Speisegebote keine Rolle dabei spielen. In dieser Sache entsteht ein Bruch zwischen Paulus und Petrus, von dem wir nicht wissen, ob er je überwunden werden konnte. Es sind keine Briefe oder andere Hinweise dazu erhalten geblieben. Aber dieser Konflikt hat Paulus dazu gebracht, im berühmten Römerbrief die Fragen zu Gesetz und Glaube und zum Verhältnis von Juden und Christen sehr ausführlich und sorgfältig aufzugreifen. Dadurch ist klar gestellt, dass allein der Glaube an Christus den Christen oder die Christin macht und nichts anderes. Mit dieser Botschaft ist Paulus für alle nachfolgenden Generationen wegweisend geworden. Von Petrus hingegen weiss man nicht viel mehr, als dass er irgendwann nach Rom kam und als Märtyrer endete. Wie er sich gegen den Vorwurf des Paulus, er sei ein Heuchler, gewehrt oder gerechtfertigt hat, wissen wir nicht. Aber der Konflikt hat bei Paulus zu einer Klärung geführt. Echtheit und Übereinstimmung von Glauben und Verhalten sind durch Paulus zu wichtigen Werten geworden. Und bis in unsere Tage hochaktuell:
In der vergangenen Woche ist zum ersten Mal die Synode, also das Kirchenparlament der Evangelischen Kirche Schweiz kurz EKS in seiner neuen Form in Bern zusammengetreten. Anfang Jahr war aus dem eher lockeren Verbund der reformierten Schweizer Landeskirchen eine Gesamtkirche mit einer gewählten Synode und einer Art "Regierung", dem Rat geworden – vergleichbar dem Bundesrat.
Der vor einem Jahr gewählte Präsident Gottfried Locher war schon kein Unbekannter mehr, weil er seit 2011 dem vorherigen SEK vorgestanden war und immer mal Schlagzeilen mit provokanten Äusserungen gemacht hatte. Ende Mai ist er Knall auf Fall zurückgetreten und jetzt wissen wir, dass ihm Grenzverletzungen gegenüber einer ehemaligen Mitarbeiterin vorgeworfen werden. Diese Vorwürfe hätte seine Kollegin im Rat, Pfrn. Sabine Brändlin prüfen müssen, die ihrerseits eine zu enge Beziehung zu ihm unterhielt bzw. unterhalten hat. Deshalb ist sie schon Anfang April zurückgetreten. Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz steckt mit dieser Geschichte in einer tiefen Krise, kaum dass sie begonnen hat, in dieser neuen Form zu existieren. Vielleicht geht es vielen so wie mir, dass wir eigentlich gar nicht so genau wissen wollen, wer da mit wem warum intim geworden ist. Aber die Vorwürfe der ehemaligen Angestellten, dass sich Locher Grenzverletzungen zu Schulden kommen lassen hat, müssen natürlich ernst genommen und geprüft werden. Es geht – wie so oft - um Glaubwürdigkeit. Nun ist viel Geschirr zerschlagen und wir können nur hoffen, dass bis Ende Jahr die Dinge geklärt sind und die freigewordenen Ratssitze wieder besetzt werden können. Ähnlich wie damals im Konflikt von Petrus und Paulus geht es darum, dass Verantwortungsträger offen zu dem stehen, was abgemacht ist, auch wenn die Konsequenzen sie selbst betreffen. Die EKS hat sich als eins ihrer Schwerpunktthemen die "Prävention von Grenzverletzungen und sexuellen Übergriffen" auf ihre Fahne geschrieben und dazu ein Modell mit sechs Handlungsbausteinen ausgearbeitet. Auch der Präsident muss sich an dem messen lassen, was vereinbart ist und sich im Zweifelsfall den Vorwürfen stellen. Alles andere ist Heuchelei oder Vertuschung. Gottfried Locher hat sich dieser offenen Aufarbeitung im April widersetzt. Deshalb wurde im Mai der Druck auf ihn zu gross. Sein Rücktritt war notwendig.
Als in Deutschland vor einigen Jahren die neugewählte Bischöfin Margot Kässmann mit zu viel Alkohol am Steuer erwischt wurde, gab sie innert kurzer Zeit ihr Amt wieder zurück. In der Kirche menschelt es wie überall, aber es sollte möglich sein, Schuld einzugestehen. Die Erwartungen auf ehrliche Transparenz und echte Einsicht sind zu Recht höher.
Krisen und Konflikte gehören zur Klärung des Glaubens und zur beständigen Veränderung der Kirche. Die Frage ist, wie wir damit umgehen.

Paulus kommt am Ende auf die Gnade Gottes zu sprechen, von der wir alle leben. Sie ist der Schlüssel, durch den sich neue Räume und Lösungen eröffnen – auch in ganz vertrackten Situationen. Gnade heisst nicht Vertuschen und Verschweigen, sondern die Dinge offen legen und Veränderungen suchen, die korrigieren, was menschliche Grenzen und Grenzverletzungen anrichten.
Am Ende die Gnade. Amen.